Selbstverständnis des Bildungswerks für Schülervertretungsarbeit in Deutschland e.V.
Wir, die Mitglieder des Bildungswerks für Schülervertretungsarbeit in Deutschland e.V. (kurz: SV-Bildungswerk) sehen an deutschen Schulen und im deutschen Schulsystem einen gravierenden Mangel: Die Interessen, Meinungen, Gefühle und Ideen von Schülerinnen und Schülern werden nur selten beachtet. Dies schlägt sich in vielerlei Problemen nieder: mangelnde Motivation zum Lernen und damit mangelhafter Lernerfolg, ein schlechtes Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden, insgesamt eine unangenehme Atmosphäre.
Ziele
Dem entgegen stellen wir die Vision einer demokratischen Schule: in einer demokratischen Schule werden Schülerinnen und Schüler in alle Entscheidungsprozesse - von Fragen der Schulorganisation über die Unterrichtsgestaltung bis hin zur Strukturierung des ganzen Schulsystems - gleichwertig und gleichberechtigt in geeigneter Weise einbezogen.
Wenn wir von demokratischer Schule sprechen, bedeutet das für uns, dass die unterschiedlichen Akteure - Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schülerinnen und Schüler, andere pädagogische Kräfte und das sonstige Personal - von Betroffenen zu Beteiligten werden: Sie alle werden in die Weiterentwicklung ihrer Schule einbezogen und können in diesem Prozess Verantwortung übernehmen.
Auf den Unterricht bezogen bedeutet dies, dass Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Lernen selbst gestalten und selbst bestimmen können. Es ist Aufgabe der Schule, die hierfür nötigen Kompetenzen zu vermitteln und es ist Aufgabe der professionellen pädagogischen Kräfte, hierbei zu unterstützen und zu begleiten. Der Unterricht soll gemeinsam von Schülerinnen und Schülern und der Lehrkraft gestaltet werden; die Zielsetzung, die Wahl der Methoden und auch die Auswahl der Inhalte sollte Gegenstand der Diskussion in einer Klasse sein.
Gleichzeitig geht es uns auch darum, die Inhalte des schulischen Lernens selbst neu zu definieren: Förderung von sozialer Initiative und Übernahme von Verantwortung in Projekten in und außerhalb des Unterrichts und in und außerhalb der Schule, sollte zum festen Bestandteil der pädagogischen Arbeit der Schule werden. Verbunden werden muss dies mit einer neuen Kultur der Anerkennung. So sollen die Schülerinnen und Schüler stärkeorientiert in ihrer Selbstwirksamkeitsüberzeugung unterstützt werden.
Wichtigstes Kennzeichen einer demokratischen Schule ist aus unserer Sicht, dass Konflikte gewaltfrei und kompromissorientiert zwischen den Beteiligten, unter Berücksichtigung von und mit Respekt vor den unterschiedlichen Interessen, Erwartungen, Selbst-Konzepten und Bedürfnissen, geklärt werden. Eine besondere Rolle nimmt für diesen Aspekt die Steuerungsebene ein, deren Aufgabe es ist, einen solchen Umgang vorzuleben.
Neben diesen Gestaltungselementen demokratischer Schule, die auf den individuellen Erwerb demokratischer Handlungskompetenz ausgerichtet sind, gibt es jedoch auch strukturelle Kennzeichen, die aus unserer Sicht untrennbar mit unserem Ziel einer demokratischen Schule zusammen hängen:
Zum einen ist dies die Errungenschaft, dass das Schulwesen als Ganzes unter staatlicher Aufsicht und damit unter demokratischer Kontrolle stattfindet. Auch wenn dieses System gewiss an der ein oder anderen Stelle reformbedürftig ist, wenden wir uns gegen Privatisierung von Schule und Entstaatlichung von Schulaufsicht.
Zum anderen ist dies die Notwendigkeit eines demokratischen Zugangs zu Bildungseinrichtungen, einer gerechten Verteilung von Zertifikaten und Abschlüssen - unabhängig von äußeren oder inneren Merkmalen - und des Verhinderns perspektivloser Bildungsbiographien. Ein demokratisches Schulsystem muss sich an dem Primat der Chancengleichheit orientieren und darf Schülerinnen und Schüler weder beschämen noch ungleichwertig behandeln.
Für die demokratische Gestaltung der Schule gibt es - neben dem Recht von Kindern und Jugendlichen auf die Mitbestimmung in den sie betreffenden Angelegenheiten - aus unserer Sicht eine Vielzahl von Gründen: Angefangen mit der Steigerung der Qualität und der Akzeptanz schulischer Bildungsangebote und der Verbesserung des Schulklimas, über die Vermittlung wichtiger sozialer Kompetenzen wie Kommunikations-, Verhandlungs-, Aushandlungs- und Selbstreflexionsfähigkeiten und der Bildung demokratischer Handlungskompetenz bis hin zur Prävention extremistischer, insbesondere rechtsextremistischer und gewalttätiger Einstellungen und zur Linderung von Politik- und Demokratieverdrossenheit.
Aufgaben
Demokratieerziehung ist ein Leitprinzip fast aller Schulgesetze und dennoch wird das Ziel der Demokratieerziehung in der Schule zwar theoretisch vermittelt aber nicht praktisch umgesetzt. Dies zu ändern ist unser zentrales Ziel. Insbesondere versuchen wir dieses zu erreichen, durch:
- Qualifizierung von Schülerinnen und Schülern, durch Seminare, SV-Beratereinsätze, andere Veranstaltungsangebote oder Publikationen, damit sie an ihrer Schule, regional oder bundesweit aktiv werden und damit Schule demokratischer machen können.
- Schaffung von Kontinuität, um das Engagement von Schülerinnen und Schülern in ihrer Schülervertretung und in ihren Projekten langfristig erfolgreich gestalten zu können.
- Schaffung von Schnittstellen, an denen Schülerengagement und Entscheidungsträger aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen kommen.
- Qualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern und anderen pädagogischen Kräften, die Schülerinnen und Schüler an Schule und Unterricht beteiligen möchten.
- Schauen über den Tellerrand, um immer wieder kreative Ideen, neue Gedanken und wertvolle Projekte entwickeln zu können, die Schule in Deutschland bereichern.
- Unterstützung bei Fragen und Problemen für diejenigen, die sich für eine demokratische Schule einsetzen (wollen), insbesondere für Schülerinnen und Schüler.
- Schmieden von Bündnissen und Allianzen mit anderen Organisationen, die sich ebenfalls für demokratische Schule einsetzen (sollen).
Struktur
Das SV-Bildungswerk ist eine Organisation, die von jungen Erwachsenen gegründet wurde. Wir Mitglieder verfügen über einen großen Erfahrungsschatz und gestalten mit diesem die Organisation. Die fachliche Kompetenz, die die Projektmitarbeiter und Mitglieder durch eigenes Engagement, Studium und private Fortbildung mitbringen und die große Anzahl an Kontakten zu Schülern, Experten und Entscheidungsträgern qualifiziert das SV-Bildungswerk als Träger einer Bildungsinstitution und Plattform für Schul-Veränderer.
Besonders durch die Nähe zu der Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler zeichnet sich das SV-Bildungswerk aus. Dadurch, dass das SV-Bildungswerk nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene eine Anlaufstelle ist, bildet es eine Brücke für einen fachlichen Austausch und gegenseitige Fortbildung zwischen beiden Gruppen.
Das SV-Bildungswerk ist ein gemeinnütziger Verein mit einem geschäftsführenden Vorstand, bestehend aus einem/einer Vorsitzende(n), einem/einer Stellvertreter/in und einem Finanzvorstand. Dem Vorstand gehören zwei Beisitzende an.
Die Mitglieder im SV-Bildungswerk sind junge Erwachsene mit Erfahrungen in der Schüler-Bildungsarbeit. Im SV-Bildungswerk haben sie die Möglichkeit, sich fachlich auszutauschen, professionelle Unterstützung zu erhalten und gemeinsam über die Geschicke einer Organisation zu entscheiden, die die Zielsetzung hat, Schülerinnen und Schüler für demokratische Schulentwicklungsprozesse und für Schülervertretungsarbeit zu qualifizieren.
Mitglieder besitzen ein Stimmrecht sowie passives Wahlrecht bis zum Alter von 27 Jahren. Mitglieder über 27 haben kein Stimmrecht. Weiterhin gehören dem Verein Ehren- und Fördermitglieder an. Ehrenmitglieder sind renommierte Persönlichkeiten, die den Verein mit seiner Idee durch Schirmherrschaften fördern. Fördermitglieder unterstützen das SV-Bildungswerk finanziell.
Das erste Selbstverständnis des SV-Bildungswerks wurde beschlossen am 9. April 2006 in Mannheim. Die Neufassung des Selbstverständnis wurde erstmals diskutiert auf der Mitgliederversammlung am 18. November 2007 in Berlin und beschlossen am 22. Juni 2008 in Hattingen.