Partizipation - aber richtig!

23.09.2008: Ein paar "linke und aktionistische" Schüler/innen haben während der Rede der Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf dem Ganztagsschulkongress in Berlin Flugblätter in die Luft geworfen - in verschiedenen Farben regneten sie herab auf das Publikum.

Flugblatt der "Linken SchülerInnen Aktion" (LiSA)

Die Bewertungen dazu fielen höchst unterschiedlich aus und schwankten zwischen "Respektlosigkeit" und "Endlich mal so eine Aktion während der Eröffnungsveranstaltung". Die meisten der Teilnehmer/innen haben die Aktion still zur Kenntnis genommen und abgehakt. Immerhin war das Schwerpunktthema des diesjährigen Kongresses "Partizipation an Ganztagsschulen" und "wenn die jungen Leute meinen, dass dies gelungene Beteiligung ist…". Die meisten der bunten Blätter blieben denn auch ungelesen auf dem Boden liegen.

Ich habe mich dazu entschieden, ein Exemplar des Zettels einzuscannen und hier auf der Internetseite des SV-Bildungswerks zu veröffentlichen, weil ich die Forderungen der Schüler/innen inhaltlich unterstützenswert finde: Demokratiepädagogische Ausbildung der Lehrkräfte, Erleben der Demokratie in Klassenräten und Schulparlamenten, Förderung der Mitbestimmungsmöglichkeiten. Wahrscheinlich werden diese Ziele nicht nur von mir, sondern von einem überwiegenden Teil der Kongressteilnehmer/innen mit den "Linksaktionist/innen" geteilt.

Doch das ist nur der eine Grund. Denn ausschlaggebend waren vielmehr die Behauptungen, die ich nicht teile: Dass sich niemand für die Umsetzung der Vorschläge interessiert. Dass die politischen Entscheidungsträger von vornherein nicht in Erwägung ziehen, so zu handeln. Und dass der Ganztagsschulkongress eine Alibi-Veranstaltung ist.

Gerade die Rede der Bundesbildungsministerin Annette Schavan, über deren Ankündigung, sich für eine Fortsetzung des inhaltlichen Begleitprogramms einzusetzen, ich mich sehr gefreut habe, ist ein Beweis für das Gegenteil. Wie groß waren noch vor wenigen Jahren die Vorbehalte vor Ganztagsschulen und vor einer anderen Lernkultur? Eine Fortsetzung des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." wäre auch ein Bekenntnis für ein Schulentwicklungsprogramm, das sich die Förderung der Schüler/innenbeteiligung ganz besonders auf die Fahnen geschrieben hat! Das Programm, das die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, den Partnern in den Ländern und dem SV-Bildungswerk aufgebaut hat, schafft die Unterstützungsstrukturen, die Schulen brauchen, wenn Lehrer/innen, Eltern und Schüler/innen in die Gestaltung einbezogen werden.

Ein Höhepunkt des Begleit-Programms ist in jedem Jahr der Ganztagsschulkongress. Traditionell nehmen da auch Schüler/innen mit teil, in diesem Jahr ganz besonders viele. Klar - auf so einem Ganztagsschulkongress wird ziemlich viel geredet, der Austausch zwischen den verschiedenen Beteiligten steht auch ganz oben auf den Zielen. Und manchmal wird vielleicht auch ein bisschen viel und ein bisschen zu "erwachsen" geredet. Trotzdem ist der Ganztagsschulkongress keine Alibi-Veranstaltung. Denn gerade solche Veranstaltungen tragen dazu bei, dass sich Schulen verändern: Denn die Veränderung geschieht nicht einfach so - Schulen entwickeln sich weiter, wenn die Personen, die in ihr lernen, die in ihr arbeiten, die sich für sie interessieren, neue Ideen entwickeln, neue Ansätze kennenlernen, miteinander sprechen und vor allem dann, wenn die verschiedenen Personen lernen, miteinander zu sprechen.

Deshalb bin ich mir sicher, dass die rund 250 Schüler/innen, die in diesem Jahr am Ganztagsschulkongress teilgenommen und dort mit Lehrer/innen, Schulleiter/innen und anderen Leuten gesprochen haben, für eine Veränderung der Schule mehr erreicht haben als die fünf mit den Flugblättern. So, wie die rund 50 SV-Berater/innen mit ihren Schüler/innen-Seminaren an Ganztagsschulen mehr erreichen, als viele Sonntagsredner/innen, die über Bildung sprechen.

Gerne möchte ich mit Leuten, die meinen Behauptungen widersprechen, diskutieren. Schreibt mir einfach (vincent.steinl@sv-bildungswerk.de), ich freue mich über Eure Meinung!

Vincent Steinl

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