Die neue Lernkultur ist Beteiligungskultur

Carsten Rasche und Vincent Steinl
Von bildungspolitischen Hiobsbotschaften gebeutelt verbanden sowohl politische Entscheidungsträger/innen wie auch die interessierte Öffentlichkeit mit der großflächigen Einführung der Ganztagsschulen das Ziel einer Veränderung der Lernkultur. Eine neue Lernkultur an Ganztagsschulen sollte vor allem drei Aspekte fördern (Edelstein 2002, S. 7f): Gelegenheiten des Lernens durch Erfahrung und direktes Begreifen, bei denen vor allem mit Fehlern konstruktiv umgegangen wird; die Selbstwirksamkeit der Lernenden; und eine Kultur der Kooperation durch Perspektivenübernahme und Anerkennung der verschiedenen Akteure auf Augenhöhe.

Diese drei Herausforderungen gelten nicht nur für das Lernen der Schüler, sondern auch für das pädagogische Handeln der Lehrer. Denn: Nur, wer mit den eigenen Fehlern konstruktiv umgeht und dazu lernt; wer das eigene Können einschätzt und einsetzt; und nur, wer bereit ist, mit Anderen die gemeinsamen Angelegenheiten gemeinsam zu klären, kann das auch von Schülern erwarten. Die Lernkultur muss von allen Akteuren in der Schule gemeinsam gestaltet werden, alle müssen sich daran beteiligen. Diese Lern- und Beteiligungskultur ist eine Zumutung an die Lehrkräfte – in ihrer Ausbildung haben sie meist nicht gelernt, was „Führung durch Eingehen auf den anderen, durch Vormachen, durch Vorbild, durch Beteiligung“ (von Hentig 1993, S. 253) bedeutet. Es ist aber auch eine „Zu-Mutung“ im doppelten Wortsinn (vgl. Oser 1994) – denn in einer beteiligungsorientierten Schule, in der es auf den Einzelnen und das Gemeinsame ankommt, gibt es keine Einzelkämpfer und Wegducker, sondern eine ermutigende Atmosphäre, in der sich die handelnden Akteure gegenseitig stärken – insbesondere Schulleitung, Kollegium und Schülerschaft, aber auch Eltern und Kooperationspartner. Nötig sind Verantwortung, Verständigung und Vertrauen
(von Hentig 1993, S. 274).

Auf der Ebene des individuellen Lernens geht es darum, den Lernenden zu ermöglichen, eigene Lösungswege zu finden und dabei auch Umwege zu gehen, sich mit relevanten (bzw. als relevant empfundenen) Themen zu beschäftigen, dabei Unterstützung zu erhalten und ermutigende Erfahrungen zu machen. Beispiele hierfür sind selbstorganisiertes Lernen, Erstellung von Lernvereinbarungen, Lernwerkstätten, Lernen durch Engagement, aber auch von Schülern angebotene Arbeitsgruppen oder Projektlernen. Auf der Ebene der Klasse bzw. der Lerngruppe geht es darum, aufgetretene Probleme zu bearbeiten, die gemachten Erfahrungen auszuwerten und zu besprechen, Regeln für den Umgang miteinander festzulegen und gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und deren Umsetzung zu planen. Beispiele hierfür sind das ein regelmäßiges Feedback zur Gestaltung des Unterrichts, gemeinsam gestaltete Projekte oder der Klassenrat, der in regelmäßigen Abständen tagt und diesen Prozess nachhaltig unterstützt. Auf der Ebene der Schule geht es darum, gemeinsam zu besprechen, wo momentan die Probleme liegen, wohin sich die Schule entwickeln soll und gemeinsam zu verabreden, welche schulorganisatorische, pädagogische und andere Maßnahmen dafür ergriffen werden und gemeinsam deren Umsetzung zu planen. Beispiele hierfür sind regelmäßige Evaluationen, große Schulversammlungen, Zukunftswerkstätten oder für Schüler und Eltern offene Steuergruppen.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass die neue Lernkultur gleichzeitig eine Beteiligungskultur ist. Der Pädagoge Janusz Korszak hat im Vorwort seines Kinderbuchs „Wenn ich wieder klein bin“ an den „erwachsenen Leser“ geschrieben, dass pädagogisches Handeln nicht deshalb so anstrengend sei, da die Erwachsenen vermeintlich in die Begriffswelt der Kinder hinunter steigen, sondern, da sie zu den Gefühlen der Kinder empor klimmen müssen (Korszak 1973, S. 7). Die jungen Menschen ernst zu nehmen, ihre Sichtweise in den Mittelpunkt zu stellen und nicht nur auf die richtige „Verpackung“ des Wissens oder die Organisation der Schule zu schauen, ist Leitgedanke einer solchen Schulentwicklung: Kinder und Jugendliche sind selbst Experten ihres eigenen Lernens. Gemeinsam gehoben werden kann der Schatz ihrer Anregungen und Gedanken durch Austausch auf Augenhöhe. Den Schülern Beteiligung an der Gestaltung der eigenen Lernwelt zuzumuten und zuzutrauen ist der erste Schritt. Wenn sie merken, dass ihnen dieses Vertrauen entgegengebracht wird und es eine gegenseitige Verständigung über die Bedürfnisse und Befürchtungen gibt, können sie selbst Verantwortung übernehmen – für ihr eigenes Lernen, den Umgang miteinander in der Gruppe und die Gestaltung der Schule.

Die schon genannten Beispiele sind natürlich nur eine unvollständige Aufzählung der Möglichkeiten – die besten Ideen kommen im offenen Austausch zwischen Lehrern, Schülern und Eltern. Durch diese Verständigung, das gegenseitige Vertrauen und die Übernahme wie die Abgabe von Verantwortung gewinnen auch die Lehrkräfte: Zum einen können sie den Wandel in der Lernkultur gar nicht alleine erreichen, das zu verlangen wäre eine Zumutung. Zum anderen stärkt es auch ihr Handeln, das ist die Zu-Mutung. Denn: Wenn Schüler sich selbstständig Wege suchen, wie sie sich Wissen am besten aneignen können; wenn sie alleine oder mit Lehrern gemeinsam eigene Lernangebote in Form von Arbeitsgruppen oder Projekte machen; wenn sich Schüler gegenseitig in Lerntandems unterstützen; ja, wenn Schüler vielleicht sogar in „Lehrerfortbildungen“ formulieren, was ihnen beim Lernen besonders wichtig ist, dann gibt es die neue Lernkultur, in der der Lehrer nicht mehr für die Belehrung zuständig ist, sondern gemeinsam mit seinen Schülern beteiligungsorientiert lernt.

Drei Beispiele für gelungene Lern- und Beteiligungskultur

Verantwortung für den Lernprozess übernehmen Die Schule am Gutspark hat gemeinsam mit der Volkshochschule Salzgitter und anderen Partnern aus der Stadt, das Fach Wirtschaft umstrukturiert, um die Berufsorientierung im Ganztagsangebot zu verbessern: Sie haben eine so genannte Hauptschulakademie gegründet. Die jungen Menschen können aus verschiedenen Kursen, die einen praxisbezogenen Schwerpunkt und einen theoretischen Teil haben, wählen. Die Teilnahme wird zertifiziert, sie können verschiedene Berufe kennen lernen und sammeln Erfahrungen für ihre Bewerbung und für die Zeit nach der Schule. Wichtig ist aber noch etwas ganz anderes: Dadurch, dass Schulleitung, das Lehrerkollegium und die einzelnen Dozentinnen und Dozenten für die Einrichtung und Weiterentwicklung der Hauptschulakademie und die einzelnen Kurse Verantwortung übernehmen und für die Schülerinnen und Schüler und mit ihnen gemeinsam einiges auf die Beine stellen, lernen auch die Schülerinnen und Schüler, dass es wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen.
Mehr Informationen zur Schule:
www.schule-am-gutspark.de
Mehr Informationen zum Vorhaben:
www.schule-am-gutspark.de/hsakonzept.pdf
www.ganztaegig-lernen.org/www/web895.aspx
Verständigung über Umgang miteinander und Gestaltung des Unterrichts Am Fontane-Gymnasium Rangsdorf findet ein regelmäßiges Feedback zwischen Schülern und Lehrern zur Gestaltung des Unterrichts statt – so gibt es die Möglichkeit, miteinander über Verbesserungen zu sprechen. Zu Beginn füllen die Schüler einen umfangreichen Bogen mit 24 Fragen und offenen Antwortmöglichkeiten (bspw. Tipps und Anregungen) aus. Das Ergebnis wird nur dem Lehrer mitgeteilt, denn es geht nicht darum, schlechte Ergebnisse öffentlich anzuprangern. Allerdings soll er darüber mit der Klasse sprechen – denn die Schülerinnen und Schüler haben bei Problemen meist gute Lösungsvorschläge. Darüber hinaus ist die Tür zur Schulleitung für Beratung oder Hilfestellung immer offen. Auch die Schulleitung lässt sich für ihre Arbeit durch das Lehrerkollegium bewerten, so dass diese auch aus einer anderen Perspektive erfahren, wie wichtig eine gegenseitige Verständigung ist.
Mehr Informationen zur Schule:
www.fontaneum.de
Mehr Informationen zum Vorhaben:
blk-demokratie.de/development/pb/unterricht-und-erziehung/feedback-kultur-als-strategie-demokratischer-veraenderung.html
Vertrauen und Zu-Trauen bei der Gestaltung der Schule Die entscheidenden Ideen zur Umgestaltung der Mittagsfreizeit in der Schule an der Burgweide, einer Grundschule in Hamburg, haben die Schülerinnen und Schüler in der Kinderkonferenz selbst entwickelt. Impulse gab es auch noch aus dem Lehrerkollegium und dem Elternbeirat, so dass am Ende eine rund um gelungene Lösung entstanden ist: es gibt einen Raum zum Entspannen und einen zum Toben, Angebote durch Lehrer in der Mittagsfreizeit, eine Elternberatung und ein jahrgangsübergreifendes Mittagessen. Durch die Veränderungen in der Gestaltung der Schule in der Mittagszeit treten weitaus weniger Konflikte zwischen den Schülern auf und gibt es ein besseres Schulklima – das liegt aber wahrscheinlich nicht nur an den Umstrukturierungen und Umbauten, sondern daran, dass allen an der Schule ein großes Vertrauen entgegengebracht wurde: Der Kinderkonferenz, die viele Entscheidungen selbst getroffen hat. Dem Elternbeirat, der ein eigenes Beratungsangebot installiert hat. Und den einzelnen Schülern, die in der Mittagsfreizeit neue Freiräume erhalten.
Mehr Informationen zur Schule:
www.burgweide.homepage.t-online.de/
Mehr Informationen zum Vorhaben:
www.burgweide.homepage.t-online.de/schueler.html
www.ganztaegig-lernen.org/www/web897.aspx

SV-Berater unterstützen Schülerbeteiligung SV-Berater besuchen selbst noch die Schule und sind durch das SV-Bildungswerk und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Rahmen des Programms „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ zu Moderatoren ausgebildet worden. Als Peer-Trainer unterstützen sie ihre Mitschüler (in Sekundarstufe 1 und 2) an anderen Schulen, sich stärker an der Gestaltung der eigenen Schule zu beteiligen. Die SV-Berater können von Schulleitung, Lehrkräften und Schülern angefragt werden und kommen dann direkt an die Schule, um dort ein Seminar durchzuführen. Solche Seminare sind eine gute Möglichkeit, um Schüler dabei zu unterstützen, Ideen zu entwickeln und Projekte zu planen. So kann ein SV-Beraterseminar ein guter Auftakt sein, um die Lernkultur an der Schule mit Beteiligung der Schüler weiter zu entwickeln. Das Seminar dient der Verständigung der Schüler untereinander und zwischen Schülern und Lehrern und fördert die Verantwortungsübernahme aller Beteiligten. Neben den Seminaren berät das SV-Bildungswerk Schulen, die Schülerbeteiligung stärken wollen.
Mehr Informationen:
www.sv-bildungswerk.de


Quellen
Wolfgang Edelstein (2002): Schule als Lernwelt und als Lebenswelt. Welche zukunftsfesten Kompetenzen müssen Schüler in der Schule erwerben können, und wie können Lehrer diese Kompetenzen vermitteln?
Im Internet:
www.laml.lu/data/Schule_als_Lernwelt_und_Lebenswelt.pdf
Hartmut von Hentig (1993): Die Schule neu denken. Eine Übung in praktischer Vernunft. München/Wien: Hanser.
Janusz Korczak (1973): Wenn ich wieder klein bin und andere Geschichten von Kindern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Fritz Oser (1994): Zu-Mutung: Eine basale pädagogische Handlungsstruktur. In Bildung und Erziehung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Multidisziplinäre Aspekte, Analysen, Positionen, Perspektiven. München: PimS-Verlag, S. 773-800.

Autoren
Carsten Rasche ist Vorstandsmitglied im Bildungswerk für Schülervertretung und Schülerbeteiligung e.V. Vincent Steinl ist Gründer und Vorstandsmitglied im Bildungswerk für Schülervertretung und Schülerbeteiligung e.V. sowie Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V.