Psst. Der Klassenrat tagt…
Dienstag, 10:30 Uhr, Maria-Ward-Schule Aschaffenburg: Es ertönt ein lautes Klingeln, worauf alle Schülerinnen der Klasse 9b ihre Mathesachen wegpacken, die sie für die vorherige Stunde gebraucht haben. Nun folgt die vierte Stunde eines Schultages, der so gewöhnlich und für die meisten Schülerinnen auch so langweilig begonnen hat wie jeder andere. Doch jetzt wird es anders. In dieser vierten Stunde wird keine einzige Schülerin der Schule Unterricht haben. Die vierte Stunde dieses Dienstags ist nämlich Klassenrat: Die Schülerinnen haben einmal Zeit für sich und ihre Angelegenheiten - kein Lehrer und keine Lehrerin darf jetzt unterrichten, außer dies wird von der Klasse gewünscht.
Doch was genau passiert denn dann, wenn einmal in der Woche alles anders ist als sonst? Dieser Text widmet sich dem Thema Klassenrat. Einmal etabliert, gibt dieser den Schülerinnen und Schülern in der Schule Raum für eigene Ideen, die Lösung eigener Probleme und Probleme in der Klasse, die Planung gemeinsamer Aktivitäten - kurz: für mehr Partizipation und mehr Verantwortungsübernahme durch Schülerinnen und Schüler.
Den Klassenrat gibt es in vielen verschiedenen Formen - stärker institutionalisiert, mit gewählten Verantwortlichen für Leitung und Schriftführung und einer festen Agenda oder offener gestaltet, durch den Stundenplan rotierend und mit ausgebildeten Moderatoren aus der Klasse, die für jede Stunde eine eigene Tagesordnung erstellen. Für alle Varianten gibt es Vor- und Nachteile, das Konzept für einen Klassenrat muss jede Schule selbst gemeinsam mit allen Beteiligten entwickeln. Eines aber ist klar: Der Klassenrat ist eine geniale Möglichkeit, Schule zu verändern - weil die Idee von den an Schule Verantwortlichen so schwer abgewiesen werden kann.
Die offene Form ist leicht in die vorhandenen Strukturen zu implementieren.
In der Maria-Ward-Schule Aschaffenburg werden seit einigen Jahren zum Anfang jeden Jahres Schülerinnen aus der Klasse ausgebildet, um den Klassenrat - der nicht Klassenrat, sondern "Zeit für uns" heißt - in ihrer Klasse zu moderieren. Der Klassenrat hat keinen festen Platz im Stundenplan, sondern rotiert - so dass im Laufe eines Schuljahres jeder Lehrer und jede Lehrerin eine Stunde an die Schülerinnen abtreten muss. Diese pragmatische und sowohl versicherungstechnisch einwandfreie als auch das Budget nicht belastende Variante kann ein schlagendes Argument sein, um die Schulleitung und das Lehrerkollegium von der Etablierung eines Klassenrates zu überzeugen. Die Schülerinnen der Maria-Ward-Schule können im Laufe einer Woche ihre Wünsche und Probleme für die Klassenratsstunde in einen Briefkasten werfen - die Moderatorinnen sammeln diese und bereiten die Klassenratsstunde vor. Gibt es einmal keine Rückmeldungen aus der Klasse, findet normaler Unterricht statt. Wenn die Moderatorinnen aber aus den eingegangen Rückmeldungen eine Tagesordnung zusammen stellen und diese dem betreffenden Lehrer bzw. der betreffenden Lehrerin im Vorfeld vorlegen, gibt es keine Algebra, Geographie oder Physik: Dann sind die Schülerinnen dran, über ihre Angelegenheiten zu sprechen, Probleme zu lösen und Aktivitäten zu planen - moderiert von Schülerinnen selbst. Und auch die Lehrerinnen und Lehrer sind dann meist zufrieden - auch wenn sie ihren Stoff auf die nächste Stunde verschieben müssen. Denn: "Die so genannten Softskills können nur durch "Zeit für uns" erlernt werden, da man sie im normalen Unterricht und auch in der heutigen Welt nicht mehr mitbekommt obwohl sie so wichtig sind."
Die formelle Variante ist verbindlicher.
Anders läuft es an der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule Bochum-Wattenscheid ab - hier hat das Lehrerkollegium im Jahr 2000 den Klassenrat als wichtigen Teil des pädagogischen Konzepts der Schule gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zunächst nur für die Sekundarstufe 1, mittlerweile aber in allen Klassenstufen eingeführt: Abwechselnd ist immer eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern für die Vorbereitung der Klassenratsstunde verantwortlich - ein Schüler bzw. eine Schülerin aus dieser Gruppe übernimmt die Leitung des Klassenrats, eine andere ist Protokollverleserin, ein anderer schreibt Protokoll, wieder eine andere ist Zeitwächterin und zwei Schülerinnen bzw. Schüler haben die Aufgabe, die Klasse während der Klassenratsstunde zu beobachten und Störungen und Auffälligkeiten zu dokumentieren. Auch die Lehrerin bzw. der Lehrer hat eine feste Rolle im Klassenrat: Er bzw. sie hält sich zwar aus den Diskussionen raus, achtet aber darauf, dass die zuvor vereinbarten Gesprächsregeln eingehalten werden. Der Klassenrat der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule fällt bindende Beschlüsse und verteilt Aufgaben und überprüft, ob diese auch erledigt wurden. Vor allem aber ist für ihn eine Wochenstunde im Stundenplan fest reserviert! Auch wenn diese formelle Variante stärker strukturell an der Schule verankert werden muss und schwerer umzusetzen ist. Eines ist sicher: Der Klassenrat ist damit auch eine verbindlichere Einrichtung an der Schule und kann weder von Lehrerinnen und Lehrern noch von Schülerinnen und Schülern einfach ignoriert werden.
Aller Anfang ist schwer.
Egal welche Variante: Erst gilt es, alle an Schule Beteiligten davon zu überzeugen und sie zu motivieren, gemeinsam das Wagnis einzugehen, den Klassenrat einzuführen und Schülerinnen und Schülern damit mehr Freiräume zu geben, in eigener Verantwortung die eigenen Angelegenheiten zu besprechen und zu klären.
Ein erster Schritt könnte eine Klassensprecherversammlung sein, in der die Idee vorgestellt und über eine geeignete Konzeption diskutiert wird. Weiter geplant wird am besten in einer Arbeitsgruppe - und da können ja schon engagierte Lehrerinnen und Lehrer und Eltern eingebunden werden. Diese Arbeitsgruppe hat die Aufgabe, einen an die Gegebenheiten der Schule angepassten Umsetzungsplan zu erarbeiten - und möglichst viele andere Leute mitzuziehen. Zum Beispiel die Stimmberechtigten in der Schulkonferenz, vor allem die Schulleitung, die am Ende über die Einführung oder die Nicht-Einführung des Klassenrats beschließen. Aber auch alle anderen: Denn Lehrerinnen, Lehrer, Schülerinnen und Schüler, die von der Idee des Klasenrats begeistert sind, entscheiden letztendlich über den Erfolg!
Eigentlich funktioniert nie etwas ohne Probleme.
Die Idee des Klassenrats ist perfekt - Probleme sind ausgeschlossen, denn es geht ja genau darum, Raum zu geben, um Probleme zu lösen. Aber so einfach ist es natürlich trotzdem nicht.
Gerade am Anfang besteht das Problem, dass einige wenige Quertreiber das ganze Projekt stören können. Lehrerinnen und Lehrer, die keinen Sinn im Klassenrat sehen und die Zeit gerne für ihren Unterricht nutzen würden. Hier hilft bloß gutes Überzeugen oder zur Not ein Machtwort von der Schulleitung. Ein schwierigeres Problem sind Schülerinnen und Schüler, die nicht wissen, was sie mit den Klassenratsstunden anfangen sollen oder sie ausnutzen, um Hausaufgaben zu erledigen oder Blödsinn zu machen. Doch dies ist auf keinen Fall ein Argument gegen den Klassenrat. Die nötige Kompetenz, diese Stunden auch zu nutzen und nicht nur zu vertrödeln, kann nur damit gewonnen werden, Angelegenheiten auszuhandeln. Die Sinnhaftigkeit kann nur erkannt werden, wenn die Ergebnisse eines Klassenrats auch von allen ernst genommen werden. Dieser Prozess kann und muss unterstützt werden. Durch Informationsmaterialien und stetiges Begleiten des Klassenrats.
Aber wenn diese Probleme aus dem Weg geräumt sind, hat sich an Schule wirklich was verändert. Und es macht zum einen mehr Spaß, zum anderen bringt es mehr, Probleme gemeinsam zu lösen!
Literatur
Daublebsky, Benita; Lauble, Silvia: Eine Handreichung für die Praxis. Der Klassenrat als Mittel demokratischer Schulentwicklung. Berlin, 2006. Im Internet unter www.blk-demokratie.de
Giese, Christiane: Klassenrat. Berlin, 2004. Im Internet unter www.blk-demokratie.de
Ziebertz, Hans Christian; Spreiter, Elias: Unterricht selbstbestimmt. In: Dokumentation der Forschungsarbeit des SchülerInneninstituts 2005/2006. Seiten 26-27.
Internet
Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule Bochum-Wattenscheid
Maria-Ward-Schule Aschaffenburg
SchülerInneninstitut der LSV Bayern
Material
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