"Selber gestalten! Weg mit dem Einheitsmief!"

06.10.2008: Herzlich willkommen Virginia Jetzt! Wir wollen von Euch wissen, was Ihr zum Thema "Schule verändern" eigentlich denkt, welche Probleme Ihr an Schulen seht, und Eure Vorschläge hören, was man verändern sollte.

Auf welcher Schule seid Ihr überhaupt gewesen und wie war es da so?

Mathias: Ich war auf einer Realschule. Wir sind ja alle aus dem Osten Deutschlands. Und ich hab eigentlich an die Schule so wie Alle die schönen romantischen Erinnerungen. Aber ich war auch ganz ganz unzufrieden mit vielen Sachen. Auch im Nachhinein stelle ich das immer mehr fest, dass mein Englischunterricht unter aller Sau war, dass im Geschichtsunterricht viele Sachen gar nicht behandelt worden sind und die Ausrichtung im Osten eine ganz andere war als im Westen und deswegen wurde bei uns zum Beispiel der Zweite Weltkrieg gar nicht behandelt. Außerdem gab es bei uns an der Schule viele Nazis, das war nicht so cool, bis wir dann die Großen waren.

Ich habe auch Erinnerungen an schöne Schulhofgespräche mit Freunden, die ich sehr gemocht habe und die ich immer noch kenne. Aber es ist auch so, dass ich denke, dass es auch anders hätte sein können vom Unterricht her, wo ich relativ unzufrieden und aufmüpfig war.

Nino: Ich war auf einem Gymnasium. Es war ein altes Barockschloss von August dem Starken. Es war bei uns recht alternativ, das Naziproblem hatten wir zum Beispiel nicht. Ich hatte eine sehr sehr angenehme Schulzeit. Es war alles sehr freundlich, sehr nette Lehrer, mit manchen war man sogar per Du.

Wie war der Unterricht so an Deiner Schule?

Nino: Der Unterricht? Ich hab, glaube ich, nie wieder irgendwas davon gebraucht. Über den Lehrplan muss man ja auch nicht reden. Das hat man leider auch gemerkt, dass viele Lehrer sich sehr strikt daran halten und gar nicht Zeit haben was anderes, sinnvolleres zu machen. Gerade in Brandenburg ist am Schulgesetz sehr viel Veränderung nötig. Ich hab halt in meiner Zeit auch viele junge Lehrer kommen sehen, die sehr enthusiastisch waren. Sie haben viele lehrplanfreie Sachen gemacht. Zehn Jahre später machen sie halt dann doch den Lehrplan, weil sie ständig gegen irgendwelche Wände gelaufen sind. Das ist, an was ich mich erinnere.

Habt ihr euch jemals auch an der Schule engagiert um was zu verändern?

M: Ich habe das Schulradio gemacht und hab dann später für die Schule, auf der Nino war, Schülerzeitung mitgemacht. Zusammen mit Thomas, dem Gitarristen.

N: Es war nicht wirklich eine Schülerzeitung. Es gab ne Schülerzeitung und das von Mathias und Thomas war nur die Alternative dazu, die nicht so konformistisch war. Am Anfang meiner Schulzeit war ich glaub auch mal Klassensprecher...

M: Ich war auch mal Wandzeitungsredakteur. Das war ein Amt zu DDR-Zeiten.

Hattet Ihr denn damals überhaupt die Möglichkeit, Dinge zu organisieren, bei denen ihr volle Freiheit hattet?

M: Das Schulradio war beispielsweise etwas, das unter der Leitung der Schule statt fand, aber was da passierte, war schon unser Ding. Es war aber schon klar für wen man das macht und es ging nicht darum, zu kritisieren. Die Zeitung haben wir ja unabhängig gemacht.

Habt ihr euch in letzter Zeit mal ein bisschen mit Schulpolitik beschäftigt oder habt ihr Geschwister oder Freunde, die sich damit auseinandersetzen?

M: Meine Schwester studiert Lehramt und kulturpolitisch sind wir als Band engagiert. Deswegen beschäftigen wir uns schon damit.

N: Ich krieg von meiner Mutter, die Lehrerin ist, einiges mit. Ich bin natürlich nicht mehr involviert aber ich habe mich über so viel Sachen geärgert oder konnte es einfach nicht begreifen. Ich hab das Gefühl, dass da eine unglaubliche Verbohrtheit auf beiden Seiten besteht. Oft liegt die Lösung auf der Hand, wenn Schüler und Lehrer miteinander sprechen würden und das wird einfach nicht geschafft!

Ich kann natürlich auch jeden Lehrer verstehen, wenn er sagt: "Ich habe überhaupt nicht die Kraft was Außergewöhnliches anzufangen, weil es eh keinen interessiert."

Was wäre denn für Dich eine Lösung?

N: Ich bin zum Beispiel klar für kleinere Klassen und für mehr Betreuungspersonal in jeder Klasse. Viele Lehrer werden in den Vorruhestand geschickt und alle kriegen verkürzte Arbeitszeiten - dann stecken wir halt zwei Lehrer in eine Klasse! Einen, der unterrichtet und einen der aufpasst und denjenigen hilft, die nicht hinterherkommen und als Ansprechpartner vor Ort ist. Die Kapazitäten sind doch da, das Geld auch.

Ist doch logisch: Wenn ich eh schon ein schwieriges Kind bin und in einer Klasse mit 30 Leuten nicht hinterherkomme und keiner kümmert sich um mich, klar stör ich dann, bin anti und werde aggressiv, mach etwas kaputt und spucke rum... aber wenn sich jemand um mich kümmert, freue ich mich und respektiere ihn. ... Im Hort zum Beispiel kann man auch seine Hausaufgaben machen, ich weiß gar nicht, ob es das heute noch gibt.

Ja, klar, Horte und ganztägige Betreuung kommen wieder. Kennt ihr das Ganztagsschulprogramm? 4 Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen, einige Millionen Euro für die inhaltliche Weiterentwicklung von Ganztagsschulen.

N: Ja, das macht total Sinn. Ob die jetzt um 12 Uhr irgendwo rumhängen mit ihren Freunden und Zigaretten rauchen oder ob sie halt da sind um was zu machen und in Arbeitsgruppen oder beim Sport noch was zu lernen.

Ihr habt ja das Verhältnis zwischen Lehrer, Schüler und Eltern schon angesprochen und wie wichtig es für eine gute Schule ist. Wo würdet ihr denn ansetzen, um dieses Klima zu verbessern?

N: Ganz wichtig ist es, auf das Verhältnis zwischen Klasse und Lehrer zu schauen. Gegenseitiges Vertrauen muss da sein. So eine Klasse ist ja auch eine Gesellschaftsstruktur im Kleinen, sozusagen ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Die Kluft zwischen Lehrer, Schüler und Eltern wird immer größer. Gerade in Berlin gibt es so krasse Probleme, wie Schutzgeld, Markenklamottenzwang, Gewalt ...

M: Ich glaube an soziale Zusammenkünfte außerhalb der Schule. Es sollte Momente geben, wo Schüler und Lehrer zusammen etwas machen, was jetzt nicht im Klassenraum ist. Es gibt ja psychologische Tricks um die Barrieren abzubauen. Und ich glaube dass so etwas wichtig wäre, solche sehr auflockernden Momente, wo es nicht darum geht, dass nur die Schüler Gruppenarbeit machen, sondern die Lehrer mit den Schülern zusammen in der Gruppe arbeiten. Oder Rollenspiele, in denen mal der Schüler der Chef ist.

N: Es gibt so einfach Sachen, wie man so etwas besser gestalten kann. Da geht es ja gar nicht darum, eine antiautoritäre oder respektlose Atmosphäre zu schaffen, sondern einfach nur darum, dass man sich wohl fühlt in der Schule. Du lernst die anderen Leute zu verstehen, denn du bist einfach mal nicht alleine in der Schule. Klar werden sich viele sträuben, aber warum nicht mal probieren?

Was könnte man den in der Politik verändern, um solche Dinge in der Schule zu ermöglichen?

N: Es ist zwar utopisch und ich habe auch nicht die Einsicht um richtig mitreden zu können, aber ich glaube es hat ganz viel mit der zu Verfügung Stellung der Finanzen zu tun. Und dann ist es wichtig, dass sich ein paar junge Leute, die vielleicht nicht schon zwanzig Jahre auf dem selben Stuhl sitzen, sich damit befassen und ein paar Vorschläge machen. Ein Team aus Psychologen, Pädagogen und Schülern könnten sich mal zusammen setzen und sich überlegen, was gut für die Schule ist.

M: Ich sehe auch nie Politiker, die mal an Schulen fahren und sich ein Bild machen und wenn sie es tun, ist alles super vorbereitet. Es wäre schön, wenn Leute aus der Bildungspolitik mal an eine Schule fahren und sich das anschauen, um einen Einblick zu bekommen. Jemand, der irgendwo sitzt und Geld für irgendwas locker macht und sich denkt, jetzt wollen die schon wieder mehr Geld haben. Damit erhält man auch eine Außenwahrnehmung.

N: Du siehst ja auch wie viele Programme einfach gestrichen werden. Gerade was die musikalische Förderung angeht. Ich kenne zwar nicht viele Schulen aber was ich so mitkriege ist, dass es im Unterricht kaum Platten gibt, keine Instrumente, keine Singbücher. Wie willst du denn Spaß daran entwickeln? Die Musikschulen selber sind erstmal extern, was für mich irgendwie keinen Sinn macht. Meiner Meinung nach sollten diese an die Schulen selbst angegliedert werden. Außerdem streichen sie den Musikschulen auch dauernd Mittel und Stellen. Aber das hilft ja alles nichts, wir brauchen ja erstmal konkrete Dinge, wie den Klassenraum neu gestalten, andere Perspektive reinbringen...

M: Oder mal Poster von tollen Leuten oder Bands aufhängen. Was interessiert mich denn dieses Bild, das Alfred Dürer mal gemalt hat, ist mir doch völlig Wurscht.

N: Da sieht man es ja auch mal, es ist alles sehr klinisch und unpersönlich, das ist halt das Problem. An meiner Schule, das war gar nicht so lange her, da haben sie die Schüler einen kompletten Flügel selbst gestalten lassen. Und an Schulen, die völlig trist sind, gehst du ja auch nicht gerne. Klar kriegst du da Kopfschmerzen und willst da nicht hin. Mein Vorschlag für Projekte: Selber gestalten! Weg mit dem Einheitsmief!

Das ist doch ein guter Schlusssatz.

Danke an Virginia Jetzt!

Das Interview führten Ulrike Schäfer und Edgar Baumgärtner